Der Mathehasser*innenclub – Lernstörungen traumapädagogisch begegnen

Am 11.Mai 2021 wurde mein Vortrag zu diesem Thema auf dem Onlinekongress „Ab in die Zukunft – für moderne Montessori- und Freie Schulen“ (www.kongress-zukunftsschule.de) gezeigt. Weil ich so viele Anfragen und Rückmeldungen bekommen habe, will ich hier gerne das Wesentliche aus meinem Vortrag dokumentieren und euch die Folien zum Download stellen. Auf Dauer gibt es eine neue Website zu dem Thema, da arbeite ich gerade an einem Konzept.

Worum ging es denn nun?! Im Traumamodell wird erklärt, wie das Gehirn Erfahrungen verarbeitet. Nur wenn das schiefläuft und die Verarbeitung stecken bleibt, reden wir von einem „richtigen“ Trauma. Um zu erklären, wann und wie wir gut lernen können, reicht eigentlich schon das „Grundmodell“, wie normalerweise die Verarbeitung funktioniert.

Dazu schauen wir uns die wichtigen Bereiche des Gehirns in einer einfachen Form an:

Das Säugetiergehirn ist der Teil des Gehirns, der die evolutionär älteren Gehirnbereiche umfasst, die schon bei allen Säugetieren vorhanden sind. Der Neokortex (oder auch Großhirnrinde) ist der Gehirnteil, der nur bei Menschen und Primaten vorkommt und entwicklungsgeschichtlich jünger ist. Für unser Thema ist er sehr wichtig, denn im Neokortex findet alles statt, was mit kognitivem Lernen und mit Sprachverarbeitung zu tun hat. Wenn wir eine Formel benutzen oder ein Gedicht aufsagen, benutzen wir dafür vor allem den Neokortex.

In der nächsten Grafik siehst Du, aus welchen Teilen das Säugetiergehirn eigentlich besteht:

Der Hirnstamm ist der evolutionär älteste Teil und ist für die ganz grundsätzlichen lebenserhaltenden Funktionen im Körper zuständig: z.B. Atmung, Herzschlag und auch für die Verdauung. Das Kleinhirn ist ein bisschen „neuer“ und koordiniert Bewegungen und Motorik. Entwicklungsgeschichtlich am jüngsten ist das limbische System. Es steuert unter anderem unsere Emotionen und soziale Interaktionen mit anderen Lebewesen – ein sehr wichtiges Thema für Säugetiere! Im limbischen System befindet sich die Amygdala, der „Rauchmelder“ des Gehirns. Sind wir entspannt, arbeiten alle Gerhirnbereiche gut zusammen. Wenn wir unter Stress stehen, schlägt die Amygdala Alarm, indem sie Signale zu vielen anderen Bereichen aussendet. Dann passieren viele Dinge gleichzeitig, vor allem aber eine Sache:

Der Neokortex wird ganz oder teilweise abgeschaltet und kann nicht mehr mit dem Säugetiergehirn zusammenarbeiten! Das hat tatsächlich einen sinnvollen Grund: in einer lebensbedrohlichen Situation kommt es vor allem auf schnelle Reaktionen an. Die älteren Gehirnbereiche sind deutlich direkter „verkabelt“ und funktionieren deswegen viel schneller als der Neokortex, mit dem wir zwar tolle Sachen wie die Weltformel oder Lyrik verstehen können, der aber nicht aufs Überleben ausgelegt ist. Das Säugetiergehirn wiederum kommt noch aus der Zeit des Fressen und Gefressenwerdens und ist auf schnelle Gefahreneinschätzung und optimale Reaktionen bei Gefahr ausgelegt. Was hat das nun mit der Schule zu tun? Dieser Mechanismus der Abschaltung des Neokortex findet auch – zumindest teilweise- schon statt, wenn die Lage zwar nicht lebensbedrohlich, aber zumindest unsicher oder als stressig empfunden wird. Und da in der Schule hauptsächlich kognitives Lernen stattfindet, ist Lernen dann nicht mehr gut möglich!

Wenn die Amygdala anschlägt, können wir in zwei verschiedene Zustände geraten. Der erste Zustand wird Kampf-oder-Flucht-Modus genannt und ist die Reaktion unseres Körpers auf eine Bedrohung: der Mensch versucht zu kämpfen oder, wenn das nicht funktionieren kann, zu fliehen. Der Alarm der Amygdala führt zu einem sehr schnellen Wechsel zwischen dem Grundzustand und diesem Zustand, das kann man z.B bei Katzen gut beobachten. Gerade noch hat man die Katze gekrault und sie war völlig entspannt. Dann passiert irgendeine Störung und die Katze beißt plötzlich in die Hand oder rennt plötzlich weg. Das ist genau dieser Wechsel zwischen den Zuständen. Wenn die Bedrohung nicht als so lebensbedrohlich eingestuft wird, geraten wir in mildere Formen dieses Zustandes, z.B. große körperliche Anspannung oder schnelles Reden. Generell ist dieser Zustand mit einer „Übererregung“ verbunden:

Wenn unser Gehirn entscheidet, dass Kampf und auch Flucht aussichslos erscheint, wird der zweite Zustand angesteuert: die Immobilität oder auch der „Totstellreflex“. In extremer Form kennt man dies von vielen Säugetieren, z.B. Mäusen. Sie können sich so gut totstellen, dass sie manchmal wirklich sterben dabei. In abgemilderter Form entspricht dies Formen der Unterspannung, als sehr energielosen Zuständen bis hin zur Ohnmacht. Da die Schüler*innen im Unterricht im Normalfall weder fliehen noch kämpfen können 😉 , zeigen Schüler*innen häufig in klassischen Unterrichtssituationen diese Symptome. In diesem Zustand wird der Herzschlag verlangsamt und die Atmung deutlich flacher, auch Gähnen gehört oft zu den Anzeichen:

Ich benutze gerne das Bild vom „grünen Bereich“, aus dem man nach oben (in die Übererregung) oder nach unten (in die Unterspannung) herausfallen kann:

Lernen ist nur im grünen Bereich möglich, denn nur dann ist unser Neokortex bei der Sache und kann gut mit den anderen Hirnbereichen zusammenarbeiten. Wenn wir aber nun im roten Bereich gelandet sind, was können wir da tun, um wieder in den grünen Bereich zurückzukommen?!

So geht es schon mal nicht:

Häufig probieren wir Schüler*innen mit rationalen Argumenten und eher moralischen Ansprachen dazu zu bewegen, sich mehr anzustrengen oder sich besser zu konzentrieren. Wenn man versteht, dass der Neokortex, der für Sprachverarbeitung und kognitives Denken zuständig ist, gar nicht „zuhause“ ist, ist einem völlig klar, dass dieser Ansatz nicht funktionieren kann. Was funktioniert denn dann? Alles, was unser Säugetiergehirn, das „Häschen“ anspricht!

Dazu ließe sich jetzt viel sagen, ich will aber hier nur das Wesenlichste herausgreifen. Die einzelnen Gehirnbereiche des Säugetiergehirns lassen sich alle verschieden ansprechen und sind alle noch erreichbar, wenn unser Neokortex schon abgeschaltet hat.

Das Stammhirn ist für viele rhythmische Prozesse im Körper wie Atmung, Herzschlag und Verdauung zuständig. Es reagiert deswegen tatsächlich auch auf alles, was mit Rhythmus und Takt zu tun hat:

Das kennt man vor allem auch von der Pflege kleiner Kinder: wenn ein Säugling schreit, beruhigen wir sie oder ihn ganz automatisch durch rhythmische Bewegungen und Geräusche. Sei es nun sanftes Wiegen, Singen oder Schuckeln. Wie sieht es mit dem Kleinhirn aus? Ich hatte ja schon geschrieben, dass das Kleinhirn unsere Schaltzentrale für Motorik und die Koordination von Bewegung ist. Deswegen ist Bewegung hier der Schlüssel: tatsächlich stimuliert Bewegung unser Nervensystem und bringt die Schaltkreise, die aus dem Gleichgewicht geraten sind, wieder ins Lot:

Bewegung ist die einfachste Art, uns aus schwierigen Zuständen herauszubekommen. Jeder kennt das: wenn ich mich nicht mehr konzentrieren kann beim Lernen hilft es sehr, mal fünf Minuten um den Block zu gehen. Jetzt bleibt noch das limbische System, was ja unsere Emotionen und sozialen Interaktionen steuert. Das limbische System ist darauf ausgelegt, schnell zwischen Freund und Feind zu unterscheiden und Situationen auf ihre Sicherheit hin zu bewerten. Dies war und ist für Säugetiere in der Wildnis eine überlebensnotwendige Funktion, da Säugetiere im Gegensatz zu anderen Spezies stark auf andere Lebewesen ihrer eigenen Art angewiesen sind, gleichzeitig aber immer Fressfeinde in der Umgebung lauern könnten. Hilfreich ist also alles, was soziale Sicherheit schafft:

Das ist gerade in der Schule ein riesiges Thema. Für Kinder und Jugendliche ist die Schule nicht unbedingt ein sicherer Ort. Die Art, wie Unterricht im Allgemeinen immer noch organisiert ist, sorgt oft für Beschämung und Bloßstellung vor der Gruppe und verhindert damit Lernen nachhaltig. Mündliche Prüfungen sind da auch so ein Thema: aus unserer Säugetiersicht ist es fatal, alleine vor einer Gruppe von Menschen, die sich untereinander besser kennen und uns bewerten, vorne zu stehen. Es ist nachvollziehbar, dass vorher gut gelerntes Wissen unter solchen Umständen nicht mehr abrufbar ist.

Für Schüler*innen ist es sehr hilfreich, diese Zusammenhänge zu kennen und möglichst auch Methoden zu kennen, die helfen wieder in den grünen Bereich zu kommen. Hier kommen wir zu dem Bereich der Selbstregulation: ich muss erstmal merken, dass ich aus dem grünen Bereich herausgefallen bin. Das hat viel mit der Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung zu tun, wenn ich mich gut kenne und mich gut spüren kann, merke ich schneller, wenn ich aus dem Lot geraten bin. Und dann kann ich mich darum kümmern, wieder zum grünen Bereich zurück zu finden, wenn ich dafür Methoden zur Verfügung habe.

Die Traumapädagogik liefert dafür einen ganzen Methodenkoffer. Ich arbeite an einer für die Schule passenden Methodensammlung.

Es ist mir ein großes Anliegen, die Selbstwahrnehmung unserer Schüler*innen zu stärken. Wir leben in einer Welt und in einem Schulsystem, wo uns oft die eigene Wahrnehmung abgesprochen wird und wir Stück für Stück verlernen, auf unsere innere Stimme und unseren inneren Kompass zu hören. Wenn wir gut geschützt durch die Welt gehen wollen, ist es jedoch unabdingbar, dass wir unseren inneren roten Faden nicht verlieren. Ich wünsche mir das alle Pädagog*innen sich da auf den Weg machen, unsere Schulen wieder zu einem Ort zu machen, der die Kinder in ihrer Integrität und Einzigartigkeit bestärkt! Die traumapädagogische Arbeit ist genau das: Menschen zu helfen, sich selbst zu spüren und herauszufinden, was gut für sie ist.

Hier findest du die Folien von meinem Vortrag: Vortrag Mathehasser*innenclub